In der heutigen Arbeitswelt steht nicht mehr die Frage «Wer führt wen?» im Vordergrund, sondern die Frage, wie gut man sich selbst führen kann. Die Selbstführung beginnt somit bei der Einzelperson. «Selbstführung bedeutet, dass Mitarbeitende selbst entscheiden, was sie tun, warum sie etwas tun und auch wie sie bestimmte Ziele angehen wollen» (Bracht et al., 2023, S. 113; Manz, 1992 zitiert nach Bracht et al., 2023). Dabei geht es nicht lediglich um Selbstoptimierung, sondern um reflektierte Selbstverantwortung.
Wenn Selbstführung fehlt
Fehlende Selbstführung zeigt sich selten laut – sie zeigt sich leise. In aufgeschobenen Entscheidungen, fehlender Klarheit, im inneren Dauerstress oder im Gefühl der Fremdsteuerung (Struss, 2023). Gerade in anspruchsvollen Rollen wirken sich diese Defizite auf verschiedene Bereiche unmittelbar aus. Selbstführung ist also kein Nice-to-have, sondern sie ist die mentale Fitness und Kompetenz in komplexen Zeiten.
Die Schritte der Selbstentwicklung
Selbstentwicklung startet mit einem einfachen, aber gleichzeitig anspruchsvollen Schritt: innehalten. Wer sich nicht bewusst mit den eigenen Gedanken, Gefühlen und Handlungen auseinandersetzt, bleibt in den vertrauten Mustern gefangen. Das führt wiederum dazu, dass die Entwicklungsmöglichkeiten begrenzt bleiben (Müller, 2026). Selbstreflexion bedeutet, sich regelmässig selbst zu beobachten: Wie reagiere ich unter Druck? Welche Muster wiederholen sich? (Struss, 2023). Nur so können die individuellen blinden Flecken aufgedeckt werden.
Ebenfalls spielt der innere Dialog eine zentrale Rolle. Wie wir mit uns sprechen, hat direkten Einfluss auf die Selbstwahrnehmung und unsere Handlungsfähigkeit (Vertiefung: vgl. Brinthaupt et al., 2010). Des Weiteren sollten die eigenen Gefühle reguliert und das Verhalten bewusst gesteuert werden (Struss, 2023). Die Unternehmensgründern Ragnhild Struss betont ausserdem, dass wir langfristig und kontinuierlich in die eigene Persönlichkeitsentwicklung investieren sollten, da dies ein Prozess ist, welcher nie abgeschlossen sein wird (Struss, 2023).
Zur Selbstführung gehören also konkret Fähigkeiten wie Emotionsregulation, bewusste Verhaltenssteuerung, konstruktiver innerer Dialog und die Persönlichkeitsentwicklung.
Selbstführung als Schlüsselkompetenz der Zukunft
Selbstreflexion klingt zunächst einfach, doch dies ist nicht der Fall. Wir alle haben blinde Flecken, bei denen das eigene Denkmuster nicht reflektiert und als selbstverständlich angesehen werden. Es ist also umso wichtiger, sich selbst immer wieder mit Reflexionsfragen zu fordern.
Genau hier kann ein/e betriebliche/r Mentor/in Unterstützung bieten: Es wird ein strukturierter Reflexionsraum geschaffen und klärende Fragen werden gestellt. Weiter werden Wahrnehmungen gespiegelt, Entscheidungsfindungen unterstützt und die Selbststeuerung gefördert. Es geht nicht primär darum, Lösungen vorzugeben, sondern eine Person in der eigenen Klarheit zu stärken.
Dies sind auch wichtige Bestandteile, welche in der Ausbildung zum/zur betrieblichen Mentor/in erlernt werden. Betriebliche Mentoren und Mentorinnen befassen sich einerseits mit der eignen Selbstreflexion und unterstützen andererseits Personen in ihrer. Gerade für HR-Verantwortliche und Führungskräfte bietet die Ausbildung zum/zur betrieblichen Mentor/in besondere Chancen, da sie nicht nur die eigene Selbstführung stärkt, sondern auch dazu befähigt Mitarbeitende in ihrer Selbststeuerung zu begleiten. Dies kann im Führungsalltag langfristig entlastend wirken.
Wer also andere in ihrer Entwicklung unterstützen möchte, beginnt bei sich selbst. Professionelle Begleitung entsteht dort, wo Selbstreflexion zur gelebten Haltung wird.
Wussten Sie schon?
Selbstreflexion ist kein Nebenaspekt, sondern Kern professioneller Haltung. Dies zeigt sich auch in den Zulassungskriterien zur eidgenössischen Prüfung: Begleitete Reflexionssitzungen sind verbindlicher Bestandteil des Qualifikationsprozesses. Mehr dazu können Sie in der Wegleitung zur Prüfungsordnung unter der Ziffer 3.3 auf unserer Webseite finden.
Quellenangaben
Bracht, E. M., Nieberle, K. W. & van Dick, R. (2023). Selbstführung. In J. Felfe & R. van Dick (Hrsg.), Handbuch Mitarbeiterführung. Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-662-68185-5_55
Brinthaupt, T. M., Hein, M. B. & Kramer, T. E. (2010). The Self-Talk Scale: Development, Factor Analysis, and Validation. Journal of Personality Assessment, 91(1), 82-92. https://doi.org/10.1080/00223890802484498
Müller, R. (2026, 08. Januar). Selbstführung – der Unterschied, der den Unterschied macht. HR Today. https://www.hrtoday.ch/de/article/selbstfuehrung-der-unterschied-der-den-unterschied-macht
Roth, W. (2021). Die resiliente Führungskraft. Sich selbst und andere gesund führen. In Buchenau, P. & The Right Way GmbH, Fit for Future. SpringerGabler.
Struss, R. (2023, 26. Oktober). Wie Sie Ihre Fähigkeit zur Selbstführung steigern können. Struss & Claussen. https://www.strussundclaussen.de/karriere-blog/beitraege/wie-sie-ihre-faehigkeit-zur-selbstfuehrung-steigern-koennen/